IfW-Ökonomen legen erste Folgeschätzung der Corona-Krise vor – Land will Hilfe verdoppeln

Dienstleister im Einzelhandel und der Tourismus mit 240 000 Beschäftigten seien besonders betroffen und damit fast jeder fünfte Arbeitsplatz im Land. Dauern die Tätigkeitsverbote zwei Monate, würden den Unternehmen laut IfW insgesamt 2,5 Milliarden Euro an Umsätzen verloren gehen. Bei drei Monaten betrüge das Minus 3,7 Milliarden Euro.

Schleswig-Holsteins Wirtschafts-, Arbeits- und Tourismusminister Bernd Buchholz dankte dem IfW für die Folgenabschätzung: "Auch wir beobachten die Entwicklungen natürlich sehr intensiv und befassen uns intern bereits mit Strategien zum sukzessiven Wiederanfahren des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens – insbesondere des Handels", sagte Buchholz in Kiel.

Buchholz und seine Kabinettskollegen sehen sich durch die IfW-Untersuchung in ihrem Kurs bestätigt, durch eine im Bundesvergleich stärkere Fokussierung auf die Tourismusbranche der besonderen Wirtschaftsstruktur im Land Rechnung zu tragen. „Denn insbesondere der Wegfall des Ostergeschäfts trifft diesen Wirtschaftszweig hart und wird kaum nachzuholen sein», so der FDP-Politiker.

Ein Audiokommentar von Minister Dr. Bernd Buchholz gibt es hier.

Die Corona-Wirtschaftshilfen seien bewusst als Soforthilfen ausgelegt: "Wir wollen schnellstmöglich Unternehmen helfen, die sich unmittelbar einer Existenzbedrohung gegenübersehen. So erreichen wir, dass die Hilfen auch dort ankommen, wo sie wirklich benötigt werden. Gleichzeitig sagen wir Unternehmen, die aktuell eigenständig in schwerem Fahrwasser navigieren: wir beobachten den Bedarf genau auch werden falls nötig auch weiterhin nachjustieren."

Laut IfW leidet der Einzelhandel im echten Norden besonders stark. Das Tätigkeitsverbot umfasse knapp 80 Prozent seiner Umsätze. Dies entspreche pro Monat 880 Millionen Euro. Bei konsumnahen Dienstleistungen samt Hotels und Gaststätten seien es 45 Prozent der Umsätze und damit 350 Millionen Euro im Monat. Auf Industrie und Großhandel bezieht sich der Corona-Erlass nicht. Die vom Tätigkeitsverbot betroffenen Betriebe erwirtschaften acht Prozent des Gesamtumsatzes im Land. In diesen Unternehmen arbeiten rund 80.000 Geringverdiener. «Gerade den Geringverdienern droht infolge des Corona-Erlasses der Stellenverlust und damit der Wegfall ihres Einkommens», sagte der Leiter des Bereichs Schwerpunktanalysen am IfW, Klaus Schrader. Hier zur IfW-Studie

Nordfriesland und Ostholstein seien als Tourismuszentren vom Corona-Erlass am stärksten betroffen, hieß es weiter. So könnten in Nordfriesland 16 Prozent der Gesamtumsätze wegfallen, in Ostholstein 18 Prozent. In Hotels und Gaststätten oder bei Friseuren sei nach der Rückkehr zur Normalität nur begrenzt mit Nachholeffekten zu rechnen, äußerte Schrader. Im wahrscheinlichen Fall eines stufenweisen Ausstiegs aus dem Stillstand könnten touristische Aktivitäten am Ende der Öffnungskette stehen.

Unterdessen hat Schleswig-Holsteins Finanzministerin Monika Heinold für die Landesregierung angekündigt, bei den Hilfen noch einmal kräftig nachzulegen und dafür auch deutlich mehr neue Schulden zu machen. Sie wolle dem Landtag nun einen Nachtragshaushalt vorschlagen, der eine Verdopplung der Hilfen auf eine Milliarde Euro vorsieht, kündigte Heinold (Grüne) nach Abstimmung mit Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) an. Im März hatte der Landtag einen ersten Nachtrag über 500 Millionen Euro beschlossen, am vergangenen Donnerstag verständigte sich das Jamaika-Kabinett auf eine Volumenerhöhung auf 620 Millionen.

"An vielen Stellen haben wir großen Finanzierungsbedarf", sagte Heinold zur weiteren Aufstockung. "Mit einer Erhöhung des Ausgaberahmens auf eine Milliarde Euro haben wir eine gute Grundlage, um weitere notwendige Hilfen Schritt für Schritt und mit Augenmaß auf den Weg zu bringen." 650,5 Millionen Euro sind für konkrete Programme vorgesehen – für Wirtschaft, Gesundheitswesen samt Bonus für Pflegekräfte, Kultur, Bildung und Sport. Zusätzlich plant Heinold jetzt 349,5 Millionen Euro als globale Mehrausgabe ein. Damit will sie das Land für Notsituationen und Folgekosten aus Bundesgesetzen wappnen.

"Ich bin sehr dankbar dafür, dass auch SPD und SSW einen konstruktiven Umgang mit diesem Nachtragshaushalt signalisiert haben, denn nur gemeinsam können wir die Krise meistern», sagte Heinold. Sie stützt sich auf die Landesverfassung, auf deren Basis der Landtag in einer Notsituation trotz Schuldenbremse mit einer Zweidrittel-Mehrheit solche Beschlüsse fassen darf. «Der echte Norden hat die Stärke, mit dieser Krise umzugehen", sagte die Vize-Regierungschefin.
 

Quelle: Pressestelle des Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus (MWVATT) des Landes Schleswig-Holstein

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